Die Operationen und meine Zeit auf der Intensiv- und Normalstation

Einlieferung am 25.06.2007

Am Morgen gegen 11 Uhr kam ich in sehr guter Verfassung im Krankenhaus an, um für meine Operation am Folgetag aufgenommen zu werden. Ich hatte das Glück ein Einzelzimmer zu bekommen, so konnte ich ungestört noch mal mit meinen Angehörigen telefonieren und mich auf meine Operation einstellen.

Auf dem Zimmer besuchte mich der Stationsarzt Dr. D, welcher sich viel Zeit nahm (1 Stunde - klasse!), um noch einmal die Details der mir bevorstehenden Operation duchzugehen. Viele Risiken und Komplikationen wurden darin aufgeführt, aber die häufigste (Lungenentzündung) wurde darin nicht erwähnt. Ich und Dr. D. staunten über dieses kleine Detail. Die Narkoseärztin kam kurz darauf, um mit mir ihre Patienteninformation für die Narkose durchzusprechen (1/2 Stunde). Ich hatte mich im Laufe der letzten Monate besser über die möglichen Komplikationen informiert als es die Patienteninformationen konnten. Es konnte mich nicht mehr beeindrucken, gelassen unterschrieb ich alles.

Später wollte der Pfleger das Operationsfeld rasieren, aber infolge meiner vorhergegangenen Chemotherapien gab es für ihn keine Arbeit. Am Abend bekam ich dann Abführtabletten und ein paar Flaschen Abführmittel (Isoprop?), welche so eklig schmeckten, dass ich die letzte Flasche davon der netten Nachtschwester zurückgeben musste. Ich ahnte zwar, dass es mir lange vielleicht nie mehr so gut gehen würde wie an diesem letzten Abend (Wie wahr sich das noch erweisen sollte!), aber ich war nicht nervös. Das Schlaf- und Beruhigungsmittel brauchte ich nicht - die Operation konnte nun kommen.

1. Operation am 26.06.2007

Am Morgen wurde ich dann in meinem Bett von Station in den Operationsvorraum gebracht. Dort wurde ich umgebettet und mir die Periduralanästhesie (PDA) in Seitenlage angelegt. Ich spürte ein unangenehmes Gefühl, welches ich aber als nicht wirklich schmerzhaft bezeichnen konnte. Es war schön, ein paar bekannte ärzte im Operationssvorraum zu sehen. Danach wurde ich wohl nochmal umgebettet und in den Operationssaal verbracht. Danach erlischt meine Erinnerung, ich kann mich nichtmal an den letzten Moment vor der Narkose erinnern.

26.06.2007 (unmittelbar nach der ersten OP)

Mittags erwachte ich aus meiner Vollnarkose auf der Intensivstation. Es ging mir überhaupt nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Meine Angehörigen waren da und ich konnte sogar schon gleich mit ihnen sprechen. Eine gewisse Euphorie kam in mir und bei ihnen auf, dass ich es so gut überstanden hatte. Die Ärzte erklärten, dass die Operation komplikationslos in weniger als 4 Stunden erfolgt sei.

27.06.2007

Es ging mir auch den Umständen entsprechend, abgesehen von dem fehlenden erholsamen Schlaf, ausgezeichnet. Ein Chirurg sagte, die meisten Patienten würden sich in den ersten beiden Tagen nach der Operation fühlen als könnten sie Bäume ausreißen - aber es wäre ein individuelles Auf und Ab während der Tage nach der Operation.

Schlafen konnte ich nachts kaum, da die Schmerzenschreie einer Mitpatientin auf der Intensivstation es nicht zuliessen. Ich bat meine zuständige Nachtschwester, Schwester R., dieser Frau entweder ein Schlafmittel zu geben oder mir Ohrstöpsel, damit ich schlafen könne. Schwester R. entgegnete, dass sie das gar nicht gerne machen würde, da ihre Instruktionen sonst nicht gehört würden. Schließlich war sie aber doch so nett, mir welche zu geben.

28.06.2007-29.06.2007 meine Erlebnisse mit IntensivSchwester R.

Am dritten Tag nach der OP bekam ich abends zu den normalen Symptomen der Operation plötzlich heftige reissende Schmerzen in der Seite unterhalb meines Brustkorbes. Sabine war spätabends nochmal bei mir (ein Arzt hatte es ihr freundlicherweise erlaubt) als es sich ereignete. Schwester R. rüffelte sie an : "Sie wissen doch, dass sie um diese Zeit hier nichts mehr zu suchen haben!". Ich bat Sabine ein Mittel bei meinem Hausarzt zu organisieren, welches mir ein schnelles Sterben ermöglicht. Sabine mußte wieder gehen und ich bekam nun mehr Schmerzmittel, die Schmerzen gingen für ein paar Stunden auf ein erträgliches Maß zurück.

Mehrmals am Tage und in der Nacht wurde mir seit der Operation eine Atemtrainingsmaske angelegt, welche rhytmisch Luft in den Brustkorb pumpte, um eine tiefere Atmung der von der Operation geschwächten Lunge zu erzwingen. Ich empfand diese Prozedur als nicht sehr angenehm, zumal sie ca. eine halbe bis dreiviertel Stunde dauerte, aber die Pfleger versicherten mir, dass seit der Einführung dieser Atemmasken sehr gute Ergebnisse bei den Patienten erzielt worden seien.

Nachts bekam ich wieder Schwester R. zugeteilt, welche mir die Atemmaske anlegte. Ich verspürte höllische Schmerzen jedesmal, wenn die Atemmaske Luft in mich hineinpumpte und sagte dies der Schwester. Sie erklärte mir dazu, das sei nicht so schlimm, es sei eine meiner Sonden, welche wohl etwas verrutscht sei und auf einen Nerv drücke. In der Nacht fühlte ich mich wie ein Sterbender, den man nicht sterben läßt. Ich drückte wieder den Schwesternknopf und nach einiger (mir endlos erscheinender Zeit) erschien eine andere (jüngere) Schwester. Ich bat sie einen Arzt zu holen, aber sie sah sich dazu ausserstande. In der Nacht sei kein Arzt herbeizuholen, ich solle doch auf die Morgenvisite warten. Meine Sinne waren infolge der Schmerzen und Medikamente derart vernebelt, dass ich glaube, sie dann um aktive Sterbehilfe gebeten zu haben.

Gegen Morgen bekam ich die Atemmaske das letztemal von Schwester R. angelegt. Die Schmerzen waren nun unerträglich geworden. Ich fragte sie, wie lange ich unter der Maske noch durchhalten müsse und sie entgegnete mir "solange es sein muß" und lies mich wieder mit der Maske alleine. Ich versuchte noch einige Zeit durchzuhalten, aber ich musste wiederum den Notknopf drücken. Sie kam und sagte, ich müsse unbedingt einen Wert von 700 erreichen und schaute auf eine Anzeige über mir, welche ich infolge meiner Bewegungsunfähigkeit nicht sehen konnte. Wenn sie mich schon nicht hören konnte, vielleicht hatte sie wegen der Anzeige versäumt, auf mein Gesicht zu sehen? Mittlerweile jappste ich nur noch, unfähig, mich zu wehren. Als sie mich wieder alleine lies tat ich das einzige, was ich noch tun konnte: Ich riss mir die Atemmaske herunter. Als Schwester R. kam und es sah, schäumte sie wohl vor Wut als sie sagte: "Das machen sie nicht noch einmal!!!". Kurz darauf war Morgenvisite der Ärzte, welche mich ersteinmal erlöste ...

2. Operation am 29.06.2007

Morgenvisite. Ich sah nur noch die besorgten Gesichter der Ärzte und Chirurgen während ich mich krümmte und stöhnte vor Schmerzen. Ich kann mich von da ab an nichts mehr erinnern.

29.06.2007 (unmittelbar nach der zweiten OP)

Gegen Mittag wachte ich auf und Patricia war bei mir. Sie erklärte mir, dass ich noch einmal operiert worden war. Der Oberarzt hatte sie telefonisch informiert. Es wurde ein kleines Loch in meinem Magen gefunden und bei der Operation geschlossen. Es musste wohl am Vortag entstanden sein, daher kamen also meine heftigen Schmerzen. Ich fühlte mich bei weitem nicht mehr so fit wie nach der ersten Operation.

Als Schwester R. wieder zur Nachtschicht kam, bekam ich bereits Angst. Ich fühlte mich dieser Schwester hilflos ausgeliefert. Ich konnte kaum sprechen, mein Bewußtsein dämmerte dahin und ich hatte keine Kraft mich zu wehren. Ich hoffte, dass ich doch diese Nacht eine andere Schwester zugeteilt bekäme, aber es war wieder Sie, welche zu meiner nächtlichen Betreuung erschien. Sie versuchte wohl etwas netter zu sein und sprach mit mir. Wir gaben uns die Hand, um es noch einmal zu versuchen. Leider gab es am nächsten Morgen einen weiteren Zwischenfall. Ich erwachte und die Magensonde befand sich nicht mehr in meinem Mund. Schwester R. schimpfte mit mir und bezichtigte mich, diese während der Nacht einfach mit Absicht herausgezogen zu haben. Ich konnte mich aber nicht daran erinnern, bewusst hätte ich das nie gewagt auch wenn diese Sonde unangenehm war. Zum nächsten Besuchstermin am Mittag sprach ich mit Sabine und Steffi über das Vorgefallene und diese sprachen wiederum mit dem leitenden Arzt der Station. Dieser hatte wohl ein Einsehen und noch am selben Abend erschien eine andere Nachtschwester. Ich war erleichtert.

29.06.2007 bis 02.07.2007 meine Zeit auf der Intensivstation mit einem hervorragenden Pflege- und Ärtzeteam

Die folgenden 4-5 Tage verbrachte ich nun weiter auf der Intensivstation. Das Ärzte- und Pflegeteam war sehr kompetent, aufmerksam, freundlich und hilfsbereit. Es ist unglaublich, über welche Qualifikation und Einsatzbereitschaft diese Pfleger verfügten. Ich bekam alle erdenklichen Schmerzmittel in der gewünschten Dosis und das Pflegebett wurde genau auf meine Bedürfnisse mit einem Anbau verlängert, ohne dass ich selbst auf die Idee gekommen wäre. Vieles hatte ich sicher nicht oder nur halbbewußt wahrgenommen, aber ich kann mich daran erinnern, dass ich mich nun sehr geborgen fühlte. Sehr bald setzte man mich für eine halbe Stunde in einen speziellen Sessel und es wurde eigens ein Fernseher herbeigeholt, damit ich fernsehen konnte. Ich glaube es war ein Tag später, als ich dann ein paar Schritte durch die Intensivstation geführt wurde. All dies war nicht einfach, da alle Gerätschaften, an welche ich mit Schläuchen angeschlossen war, mir hinterhergeschoben werden mussten.

02.07.2007 bis Ende Juli meine Zeit auf der Normalstation

Am Montag den 02.07.2007 wurde ich aus der Intensivtation auf eine Normalstation verlegt, in welcher sich vorwiegend "frisch Operierte" befanden. Es war eine Zeit eingeschränkter Wahrnehmung, in welcher ich mit den allernötigsten Verrichtungen schon genug zu tun hatte. Ich konnte mich aufgrund der Schmerzen an den Operationswunden die ersten Tage kaum auf die Seite drehen und bekam so nicht alles mit, was sich neben und hinter mit abspielte. Ich erinnere mich an ein Geräusch, welches wie ein Springbrunnen hinter mir blubberte. Im Nebel meiner Wahrnehmung fragte ich Sabine, wo denn im Krankenzimmer der Springbrunnen stünde. Es handelte sich aber um den Wandanschlusszubereiter für meinen Sauerstofftubus, welchen ich mir in die Nase stecken konnte, um zusätzlichen Sauerstoff zu erhalten. Auch Inhalationen mit Salzwasserlösung konnte ich darüber machen. Ein starker Husten machte mir die Kommunikation sehr schwer, ich konnte kaum 2 Worte sprechen ohne durch diesen Husten unterbrochen zu werden. Draußen war Hochsommer und ich lag auf dem Rücken fixiert. Alle 20-30 min war die Decke unter meinem Rücken nass, weil ich mich kaum drehen konnte. Sabine und die Pflegekräfte trockneten mich ab, wenn sie zugegen waren. Manchmal gab es sogar Franzbranntwein für die schwitzenden Patienten, was ich aber für mich ablehnte. Ich begann in der Zeit auf Normalstation wieder mit dem Trinken (kein Alkohol - haha)zu beginnen. Der Arzt erlaubte mir meinen Mix von einem Glas Wasser (medium) und Orangensaft (1:10 Gemisch), womit ich vorsichtig anfing. Nach ein paar Tagen wurde in einer extra Abteilung des Krankenhauses geprüft, ob die Nahtstelle zwischen Restspeiseröhre und hochgezogenem Magen dicht ist. Danach bekam ich die ersten Mahlzeiten als Süppchen, danach immer mehr "Festeres". Eines meiner erste Essen war ein Eis. Ich brauchte eine Ewigkeit bis ich es geschafft hatte. Es war schon eigenartig, das Essen wieder neu zu erlernen. Die Ernährung erfolgte noch immer über die Blutbahn und über die PEG-Magensonde. Der Abfluss über den Blasenkatheter. Die künstliche Ernährung wurde zuerst über die Blutbahn eingestellt, aber die PEG-Magensonde blieb mir noch einige Tage erhalten. Was ich essen konnte reichte auch unter Zuhilfenahme vom Nahrungsergänzungsmittel Provide (schaffte gerade mal 2 Beutel am Tag = 2 x 200 Kalorien) nicht aus. Mittags kam der Krankengymnast vorbei. Die allerersten Übungen wurden im Liegen gemacht. Dann ging es darum, mich auf einen Stuhl zu setzen und eine vor mir liegende Zeitung zu lesen. Gar nicht so einfach überhaupt aufzustehen: Dies bedeutete, sich erstmal vorsichtig am Bettgriff (ja, der für Gipsverunfallte) hochzuziehen und dann mit Hilfe des Krankengymnasten aufzustehen. Das alles mit Atemnot und den ganzen angeschlossenen Schläuchen, Gerätschaften und Beuteln, welche an einem dranhängen. Nach ein paar Tagen wurde das "Trainingsprogramm" gesteigert. Die ersten Male ein Gang über den Flur, dann hin und zurück und dann 2-3 mal durch den Flur und dann schon - die Treppe! Auf der Treppe wurde ich übermütig. Nachdem ich zwei Stockwerke geschafft hatte, nahm ich mit allem Schwung, den ich wieder hatte, gleich noch ein Stockwerk mehr. Oben angekommen blieb mir die Luft weg - ich dachte zu ersticken. Die Lungen konnten die dafür benötigte Menge an Sauerstoff noch lange nicht aufnehmen. Ich dachte an Treppen zu Hause - mein Ziel war es diese Treppen nach der Entlassung aus dem KH zu schaffen.

Ende Juli 2007